Ernährung umgestellt – und dein Bauch macht trotzdem Probleme?
- Angelika

- 10. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Du achtest auf deine Ernährung. Vielleicht hast du bereits Milchprodukte, Zwiebeln, Äpfel oder andere Lebensmittel von deinem Speiseplan gestrichen. Vielleicht wurde eine Laktose- oder Fruktoseunverträglichkeit festgestellt oder du hast bereits verschiedene Ernährungsformen ausprobiert.
Trotzdem bleiben Beschwerden wie Völlegefühl, Druck im Oberbauch, Durchfall, Verstopfung oder Blähungen bestehen.
Viele meiner Patientinnen und Patienten kommen genau mit diesem Gefühl in die Praxis:
„Ich weiß langsam gar nicht mehr, was ich überhaupt noch essen soll.“
Diese Verunsicherung ist verständlich. Schließlich möchten wir etwas gegen unsere Beschwerden tun. Häufig führt das jedoch dazu, dass immer mehr Lebensmittel weggelassen werden – oft ohne zu wissen, ob sie tatsächlich die Ursache sind oder wie sie sinnvoll ersetzt werden können.
Eine individuell angepasste Ernährungstherapie verfolgt deshalb ein anderes Ziel: Sie soll Orientierung geben, unnötige Einschränkungen vermeiden und eine Ernährung ermöglichen, die sowohl gut verträglich als auch ausgewogen ist.
Gleichzeitig zeigt die Praxis: Selbst wenn die Ernährung bereits gut angepasst wurde, gibt es noch weitere Faktoren, die beeinflussen können, wie gut wir unser Essen vertragen.
Ernährung ist wichtig – aber sie ist nicht die einzige Stellschraube
Als Diätologin bin ich überzeugt: Eine individuell angepasste Ernährung ist die Grundlage einer erfolgreichen Behandlung von Verdauungsbeschwerden.
Doch Verdauung ist weit mehr als die Auswahl der richtigen Lebensmittel.
Auch unser Essverhalten, unsere Körpersignale und unser Nervensystem beeinflussen, wie gut Nahrung verarbeitet wird. Deshalb lohnt es sich, den Blick zu erweitern – nicht weg von der Ernährung, sondern über den Tellerrand hinaus.
Zuerst Beschwerden medizinisch abklären
Bevor wir über Ernährung oder das Nervensystem sprechen, ist eines besonders wichtig:
Anhaltende Verdauungsbeschwerden sollten immer ärztlich abgeklärt werden.
Je nach Beschwerden können beispielsweise Zöliakie, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, eine Helicobacter-pylori-Infektion, eine Dünndarmfehlbesiedelung (SIBO) oder andere Erkrankungen dahinterstecken.
Eine ärztliche Abklärung ist wichtig. In der Ernährungstherapie schauen wir uns gemeinsam deine bisherigen Befunde an und klären, ob weitere Untersuchungen sinnvoll sein könnten. Gleichzeitig können wir meist schon früh erste Maßnahmen umsetzen, um deine Beschwerden zu lindern – ohne wertvolle Zeit zu verlieren.
Verdauung beginnt nicht erst mit dem ersten Bissen
Viele denken bei Verdauung zuerst an den Magen oder den Darm. Tatsächlich beginnt die Verdauung schon deutlich früher.
Bereits beim Anblick oder Geruch einer Mahlzeit bereitet sich unser Körper auf das Essen vor. Speichel wird gebildet, Magensäure produziert und Verdauungsenzyme werden aktiviert.

Damit all das gut funktioniert, braucht unser Körper den passenden Betriebsmodus.
Das Nervensystem isst mit
Unser Körper verfügt über ein autonomes Nervensystem. Es steuert viele Abläufe, ohne dass wir bewusst darüber nachdenken müssen – unseren Herzschlag, die Atmung und eben auch unsere Verdauung.
Vereinfacht gesagt gibt es zwei Gegenspieler:
Der Sympathikus (Aktivitätsmodus) macht uns leistungsfähig. Er hilft uns, Termine einzuhalten, Herausforderungen zu meistern oder schnell zu reagieren.
Der Parasympathikus ist unser Ruhe- und Verdauungsmodus. Jetzt kann der Körper Energie in Verdauung, Regeneration und Erholung investieren.
Beide Systeme sind wichtig. Problematisch wird es erst, wenn unser Körper kaum noch Gelegenheit bekommt, vom Aktivitätsmodus in den Verdauungsmodus zu wechseln.
Warum Stress auf den Bauch schlagen kann
Vielleicht kennst du das:
Vor einem wichtigen Termin hast du plötzlich keinen Appetit.
Oder dein Oberbauch reagiert gerade in besonders stressigen Wochen mit Druckgefühl, Völlegefühl oder Übelkeit.
Das ist kein Zufall.

Unser Gehirn und unser Verdauungssystem stehen über die sogenannte Darm-Hirn-Achse in ständigem Austausch.
Befindet sich der Körper unter Anspannung, kann sich das auf die Ausschüttung von Verdauungssäften, die Beweglichkeit des Magen-Darm-Trakts und auch auf die Wahrnehmung von Beschwerden auswirken.
Stress ist nicht die Ursache aller Verdauungsbeschwerden. Er kann jedoch dazu beitragen, dass Beschwerden häufiger auftreten oder stärker wahrgenommen werden.
Der Vagusnerv – die Verbindung zwischen Gehirn und Verdauung
Eine wichtige Rolle spielt dabei der Vagusnerv. Er ist der wichtigste Nerv des Ruhe- und Verdauungsmodus (Parasympathikus). Vereinfacht gesagt hilft er deinem Körper dabei, vom Aktivitätsmodus in den Verdauungsmodus zu wechseln.
Dann werden unter anderem Speichel, Magensäure und Verdauungsenzyme angeregt und Magen und Darm können ihre Arbeit besser aufnehmen.
💡 Gut zu wissen: Wie gut unser Nervensystem zwischen Anspannung und Erholung wechseln kann, lässt sich indirekt über die Herzfrequenzvariabilität (HRV) einschätzen. Viele Sportuhren und Smartwatches zeigen diesen Wert bereits an. Eine höhere HRV spricht in der Regel für eine gute Anpassungsfähigkeit des Nervensystems und eine stärkere Aktivität des Parasympathikus. Sie ersetzt jedoch keine medizinische Untersuchung. |
Warum dieselbe Mahlzeit einmal gut verträglich ist – und ein anderes Mal nicht
Vielleicht hast du das schon erlebt.
Im Urlaub genießt du ein gutes Abendessen und fühlst dich danach wohl.
Zu Hause, zwischen Arbeit, Familie und Verpflichtungen, verursacht eine ähnliche Mahlzeit plötzlich Beschwerden.
Natürlich spielen dabei auch die Lebensmittel selbst eine Rolle.
Genauso wichtig können jedoch Fragen sein wie:
Nehme ich mir Zeit zum Essen?
Esse ich sehr hastig oder kaue ich ausreichend?
Bin ich extrem hungrig?
Esse ich nebenbei am Computer oder im Auto?
Hat mein Körper überhaupt die Möglichkeit, in den Verdauungsmodus zu wechseln?
Diese Faktoren ersetzen keine angepasste Ernährung – sie ergänzen sie.
Hunger und Sättigung – wertvolle Körpersignale
Unser Körper verfügt über ein erstaunlich gutes Regulationssystem.
Hunger zeigt, dass Energie benötigt wird.
Sättigung signalisiert, dass der Körper ausreichend versorgt ist.
Stress, ständiges Snacken oder jahrelanges Essen nach strengen Regeln können dazu führen, dass wir Hunger und Sättigung immer schlechter wahrnehmen. Mit der Zeit fällt es vielen Menschen schwer, den eigenen Körpersignalen noch zu vertrauen. Stattdessen orientieren sie sich an der Uhr, an Ernährungsregeln oder essen einfach aus Gewohnheit.
Ein wichtiger Teil der Ernährungstherapie besteht darin, diese Körpersignale wieder besser wahrzunehmen und ihnen zu vertrauen.
Kleine Gewohnheiten mit großer Wirkung
Schon kleine Veränderungen können deine Verdauung unterstützen:
Vor dem Essen zwei bis drei ruhige Atemzüge nehmen.
Mahlzeiten möglichst im Sitzen und ohne Ablenkung beginnen.
Gut kauen und bewusst essen.
Regelmäßige Mahlzeiten wählen, die zu deinem Alltag passen.
Hunger und Sättigung wahrnehmen, statt sie zu ignorieren.
Es geht nicht darum, alles perfekt zu machen.
Oft sind es die kleinen Gewohnheiten, die den Unterschied machen.
Mein Fazit
Eine gute Verdauung entsteht im Zusammenspiel verschiedener Faktoren.
Dazu gehören eine individuell angepasste Lebensmittelauswahl, ein achtsames Essverhalten und ein Nervensystem, das immer wieder in den Ruhe- und Verdauungsmodus wechseln darf.
Deshalb lohnt es sich, bei anhaltenden Beschwerden nicht nur zu fragen:
„Was vertrage ich?"
Sondern auch:
„Wie esse ich eigentlich?"
Und manchmal ist genau diese Perspektive der fehlende Baustein auf dem Weg zu einer entspannteren Verdauung.
Du hast das Gefühl, schon vieles ausprobiert zu haben?
Wenn du trotz medizinischer Abklärung und Ernährungsumstellung weiterhin unter Verdauungsbeschwerden leidest oder unsicher bist, welche Ernährung für dich wirklich sinnvoll ist, kann eine individuelle Ernährungstherapie neue Orientierung geben.
Gemeinsam schauen wir uns nicht nur deine Lebensmittelauswahl an, sondern auch dein Essverhalten, deine Mahlzeitenstruktur und weitere Faktoren, die deine Verdauung beeinflussen können.
Denn mein Ziel ist nicht, deine Ernährung immer weiter einzuschränken – sondern gemeinsam einen Weg zu finden, der zu deinem Alltag passt und dir wieder mehr Sicherheit und Genuss beim Essen ermöglicht.





